Dieses Foto postete eine Kollegin letztens in unserem Lehrerchat, der sinnigerweise pädagogische Flachgespräche heißt. Ich konnte mich sofort mit dem Shirt und dessen Botschaft identifizieren, da meine verhaltenskreativen Fünftklässler mich jeden Tag aufs Neue pädagogisch inspirieren und herausfordern. Und sie quälen mich tagtäglich mit diesen abgebildeten handlungsorientierten Gegenständen. Wenn ich mich frohen Mutes in das Klassenzimmer wage, haben die Hälfte der Kinder diese Fidget Spinners in der Hand, auf der Nase oder sonst wo. Das allgemeine Tohuwabohu von herumspringenden Kinderbeinen und das der schnell kreisenden Rotationen der Spinner, versucht mein Auge und meine Psyche irgendwie zu fassen und unter Kontrolle zu bekommen, zumindest visuell. Ich habe aber nicht mit ein paar Jungs gerechnet, die sich an akrobatischen Übungen versuchen, nämlich einhändig die Getränkeflaschen vom Pausenverkauf einmal um 180 Grad zu werfen und diese natürlich wieder aufzufangen. Das muss man einige Male praktizieren, nämlich solange bis die Fruchtschorle zum Explodieren in der PET-Flasche aufgeschäumt ist. Dann kommt der nächste Akt. Man bohrt mit Schere oder Zirkel ein Loch in den Verschluss und lässt sich das geschäumte Geschmackserlebnis direkt in die Kehle laufen. Ich darf im Grunde dankbar sein, sie könnten auch erst ein Loch bohren und dann einhändig Flaschen fangen spielen…
Jetzt muss ich aber als krisengestählte Pädagogin die Meute auf mich fokussieren, um meinen didaktisch-methodisch kompetenzorientierten Unterricht starten zu können. Da habe ich verschiedene Varianten in petto.
Variante 1: Abwarten und die Hand zum Gruße senkrecht in die Höhe strecken (selbstverständlich die Linke): da kann ich solange warten bis mir als Indianersquaw Zöpfe bis zum Boden wachsen.
Variante 2: Eins-zwei-drei schreien (unterstützt durch die gleiche Gestik) am besten mit Megaphon, sich dabei aufbauen und finster dreinblicken. Ist allerdings auch suboptimal, da ich weder ein Megaphon besitze und nur 1,58 m messe.
Variante 3: Man lässt sich vom Lärm nicht beirren und fängt an, die Tafel vollzuschreiben, mit den Arbeitsaufträgen, die in den nächsten Minuten erwünscht sind. Man sollte hierbei kurze klare Aufforderungssätze formulieren, wie Mund halten! Hinsetzen! Hände und Beine parallel zum Tisch! Heft und Buch herausnehmen! Funktioniert tadellos.
Die Dauer des Gelingens hängt allerdings extrem von situativen Außenreizen ab: eine Wespe fliegt plötzlich durchs Klassenzimmer, ein Sonnenstrahl findet den Weg in den hermetisch abgedunkelten Raum, der Beamer schaltet in den stand by Modus, ein Schüler macht ein Bäuerchen oder bläht schamlos, der nächste besinnt sich wieder seines Fidget Spinners oder seiner geschäumten Fruchtschorle, der übernächste muss auf Toilette und zieht mindestens fünf andere hinterher, der über-übernächste fällt vom Stuhl und und und. Die Liste ließe sich beliebig verlängern, da gemäß des Zufallprinzips nicht zwangsläufig eines nach dem anderen erfolgt, sondern es täglich unzählige neue Variationen gibt.
Da ich ja schon seit zwei Jahrzehnten eine Lehrerin bin, bin ich einigen Trends begegnet. Am Anfang meiner Karriere waren die Tamagotchis sehr gefragt. Das waren kleine Computer, die man regelmäßig virtuell füttern musste, damit diese nicht verhungern. Da erinnere ich mich an manche Dramen, wenn der 45-Minuten Takt einer Unterrichtsstunde nicht kompatibel mit den Fütterungszeiten des Tamagotchis war. In der Schule in meiner Heimatstadt, war eine Zeitlang das Kräuter rauchen hipp. Meine damalige Klasse war aber Neuem nicht unbedingt aufgeschlossen. Der klassische Wodka zur Schülerdisco kombiniert mit gasen (Haarspray inhalieren) tat es auch. Gesundheitlich unbedenklich und gut für das Fingergeschick, war das Knüpfen von Scoubido. Das konnte man als Set kaufen und die schillerndsten Neonfarben zu Armbändchen verknüpfen.
Und nun seit ca. acht Wochen schwappt also die Fidget Spinner Epidemie über Europa hinweg. Gepriesen werden diese Fingerkreisel als Wundermittel für Alte gegen Gicht und für Junge als Konzentrationsförderung. Auch meine Clara ist seit einer Woche angefixt. Alle in meiner Klasse haben einen nur ich nicht. Ich möchte einen schwarzen, so wie P.,nöhlt sie rum. Ich schaue in ihre Augen und sehe das Verlangen, deshalb weiß ich, dass ich hier meine elterliche Macht ausspielen und sie zu manchen ungeliebten Übungen, z.B. lesen, zwingen kann. Ich setze bewusst einen undurchdringlichen Blick auf und entgegne mit meiner pädagogischen Supernanny Stimme: Also, du musst eine Woche lang jeden Tag 20 Minuten lesen. Besorge dir bitte einen neuen Lesepass von deiner Lehrerin, dann darfst du dir den Spinner von DEINEM Taschengeld kaufen. Die Hasi rollt daraufhin mit den Augen. Am nächsten Tag hat sie dummerweise vergessen, sich ihren neuen Lesepass zu besorgen. Ich schiebe den Kauf einen Tag mit folgenden Worten nach hinten: Ich diskutiere mit dir jetzt nicht mehr! Meine Tochter spuckt Gift und Galle und stampft mit dem Fuß auf den Boden auf: Hör mir zu Mama! Wir fahren jetzt zur Tankstelle nach Igensdorf und schauen uns die wenigstens an. Betont ruhig und deeskalierend antworte ich: Die Abmachung war, dass du dir den Pass zum Lesen besorgst. Dann gehe ich nicht mehr darauf ein. Die Hasi schäumt regelrecht vor Wut: Mama, nur noch eins! Nein! Jetzt hör mir endlich zu Mama… Nach fünf Minuten Kampf gibt sie auf, ich gehe als Siegerin hervor. Ich habe die Macht, so stark ist ihr Begehr auf dieses dämliche Spielzeug. Das ganze Wochenende hält sie sich an die Lesevereinbarungen.
Was machen eigentlich diese Trends aus und dass man sich nicht widersetzen kann? Ist es das Rudelverhalten und die Angst nicht mehr anerkannt zu sein in seiner Peergroup? Ist es die Werbefalle, die einem suggeriert, dass man ohne dieses oder jenes ein armes existenzunwürdiges Leben führt? Gottseidank sind Trends schnelllebig. Die eine Monte Chauffeusen Mama sagte am Freitag treffend: … dann hab ich meiner Mutter geschrieben, dann schick doch bitte dieses Fidget Spinner aus Südfrankreich, bis du aus dem Urlaub zurück bist, sind die wohl möglich schon wieder out!
Tja, dann können wir ihnen einen Grabplatz im Friedhof der Glubschis zuweisen!
