Das Ashley-Syndrom

Wusstest du eigentlich, dass dein Opa Linhardt auch Zither gespielt hat und Mandoline? Er hatte einige Zeit zwei Zithern, so schrieb mir mein Patenonkel aus dem fernen Australien. Das ist der, der ebenfalls Fischers Füße hat und der ältere Bruder meines Vaters ist. Aber, so fuhr er fort, das hat ihn seine dominante Frieda, wie so vieles anderes vermiest. Frieda, war meine Oma väterlicherseits, die älteste von sechs Geschwistern. Sie hatte zwei Weltkriege erlebt, die Verteibung aus dem Sudetenland und den Neuanfang in der jungen Bundesrepublik. Du hast sie ja auch gekannt, dass sie dauernd herumgenörgelt hat: „Gey hear aaf mid den Geklimper“, zitiert mein Onkel meine Oma. Aber so war sie halt. Ja, mein Vater war auch sehr musikalisch und hatte eine gute Singstimme, aber der Gesangsverein wurde ihm abgewöhnt. Opa Linhardt hat sich halt immer geduckt. Manchmal habe ich ihn ein wenig aufgehetzt, dass er sich nicht alles gefallen lassen soll. Daraufhin hat er hin und wieder aufgemuckt. Hat aber alles nix geholfen! Da hat ihn die Frieda wieder so zusammengestaucht, dass er mit mir sauer war, weil ich ihn dazu gebracht habe.

Natürlich sind mir diese alten Geschichten nicht unbekannt und kommen mir unverzüglich wieder ins Gedächtnis, wenn mein Patenonkel mir dieses mailt. Oma Frieda, mit starken Fesseln und Wadeln, mitten im Leben stehend, ihr „Tascherl“ resolut in der rechten Hand haltend … und Opa Linhard, das eine Bein etwas verkürzt und nachziehend (durch eine Mittelohrentzündung und anschließender Blutvergiftung in jungen Jahren). Sein Lieblingsspruch war: Was wisst denn ihrs? Er war intelligent, hatte einen ausgleichenden Charakter und ordnete sich seiner Frieda bedingungslos unter. Als meine Großeltern aus ihrer Wohnung zu meinen Eltern zogen, da die Oma ein „böses“ Knie hatte, haben wir im Keller vier Brotschneidemaschinen originalverpackt gefunden. Opa Linhardt war zu derzeit schon ein bisschen vergesslich und hat sich wohl nicht so recht getraut, diese Käufe seiner Frau zu beichten. Da hat er wohl die Brotschneidemaschinen lieber im Keller versteckt, weil da seine Frieda nicht mehr runter kam.

Ich habe Opa Linhardt mal gefragt, wie er die Oma kennen und lieben gelernt hat. Schmunzelnd erzählte er mir: Deine Oma hat Theater gespielt und da hat sie immer mit dem Fuß aufgestampft, das hat mir gefallen. Der Rest ist Geschichte. Mein Patenonkel ist übrigens ein Sechsmonatskind, denn so Opa Linhardt: Ich wollte doch nicht die Katze im Sack kaufen…In Liebesangelegenheiten hat er sich scheinbar nicht unbedingt untergeordnet. Vier Jahre später danach kam mein Vater zur Welt. Überliefert und teilweise selbst analysierend kam der Onkel nach meiner Oma und mein Vater nach dem Opa. Der erste ließ es in seiner Jugend gerne krachen, war aufbrausend und ging bald seine eigenen Wege. Der zweite war eher ruhig, angepasst und meine Oma hat ihn mehr oder weniger verheiratet mit meiner Mutter (natürlich nicht ohne vorher zu überprüfen, ob es eine geeignete Verbindung war), als er 27 Jahre alt war und immer noch zu Hause wohnte.

Ist Onkel Heinz eine Art Rhett Butler und mein Vater, der Werni, ein Ashley Wilkes? Und war Opa Linhardt dann auch ein Ashley?

Die Story vom Winde verweht ist psychologisch schnell erzählt: Die verwöhnte, egoistische und äußerst hübsche Scarlett verdreht allen Männern den Kopf. Doch seit ihrer Jugend liebt sie das sensible Weichei Ashley. Doch dieser heiratet seine Cousine Melanie. Er sagt Scarlett jedoch nie, dass er sie nicht liebt, sondern lässt ihr immer noch Hoffnung.
Scarlett trifft auf den Lebemann Rhett, den sie aus einer Laune heraus später heiratet. Schlussendlich erkennt sie erst dann, dass sie ihn liebt, als es zu spät ist und er sie verlässt.
Ok, ich will jetzt nicht die Ehe meiner Großeltern mit dem Südstaatenepos „Vom Winde verweht“ vergleichen, Oma Frieda war keine Scarlett! Mir geht es hier vielmehr um das Ashley Syndrom. Das beschreibt Männer, die konfliktscheu sind und sich komplett, der vermeintlich dominanten Frau, unterordnen. Das Resultat ist, dass Frau immer nörgelnder wird, der Mann, der nie Widerpart gibt oder Stellung bezieht, kann es ihr ja eh nicht recht machen. Letztendlich sind dann die Rollen in der Beziehung so verschoben, dass die Ehefrau Mutter und der Gatte das Kind ist.

Deshalb möchte ich meine schon längst verstorbenen Oma Frieda nicht als dominante Spaßbremse dastehen lassen. Sie hat wohl zwangsläufig die dominante Rolle übernehmen müssen, da der Opa oft nicht „seinen Mann gestanden“ hat. Frieda hatte auch eine sensible Seite, sie war ja ein Wunderlichs Mäudel, die nah am Wasser gebaut hatten. Als Ihr Ältester nach Australien auswanderte, hat sie Panikattacken gehabt. Da hat sie der Linhardt nachts durch den Hofgarten führen müssen. Vielleicht war er damals ein bisschen Rhett. Als Außenstehender kann man schlecht sagen, welche Gesetzmäßigkeiten Paare zusammenhält – ein bisschen Yin und ein bisschen Yang.

Mein Inscheniör ist eindeutig Rhett, wenn es um das große Ganze geht. Er hat mich sicher durch die Wüsten Afrikas gelotst und steht immer für mich und seine Clara ein, auch wenn ich nicht das Licht ausmache und ein bisschen zu viel Geld für Schuhe etc. ausgebe. Manchmal ist er aber auch ein bisschen Ashley, wenn er seinen berühmt-berüchtigten „Berndi-Schnupfen“ hat und das Fieberthermometer über 37 Grad zeigt. Letztendlich kommt es wohl auf die Mischung an!

 

 

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