Die Koffer für die Heimatstadt sind gepackt. Der frischgebackene Streuselkuchen breitet schon seinen Duft in meinem Mini aus. Das letztes Stück eines Frankfurter Kranzes beginnt durch die sommerlichen Temperaturen im Innenraum unaufhaltsam aufzutauen… Jetzt muss ich nur noch meine Clara einladen, die mit ihrer Freundin E. den Klopapierblättern mit Filzstiften den letzten Batikschliff gibt. Die Hasi wirkt ein bissi schlappi und klagt über Kopfweh. Ich schiebe es auf das Papa-Tochter Zelten in den vergangenen Tagen. Vorsorglich schiebe ich dennoch das Thermometer unter ihre Achsel. 37,5 Grad – also zumindest erhöhte Temperatur. Was tun? Oma Karin urlaubt mit meinen Schwiegereltern auf einer Busfahrt im Österreichischen. Denen geht es dorten gut, da gibt es bereits Mondscheinwanderungen um 19 Uhr mit anschließender Schnapsverkostung. Der Inscheniör befindet sich auf Geschäftsreise hinter den feindlichen Linien – nördlich des Weißwurstäquators, irgendwo in NRW. Ich bin ganz allein mit den zwei Katzen und den Erdbeer- und Tomatenbeeten.
Eigentlich wollte ich für eine Übernachtung nach Coburg fahren, weil das Patenkind meiner Mama ihren 40. Geburtstag am Georgenberg im ehemaligen Zonenrandgebiet feiert. Hab alles schön geplant, doch Clara geht es von Minute zu Minute schlechter. Wo kommt das plötzlich her? Vormittag waren wir noch einkaufen. Meine Tochter schleppte mal wieder ein Spielzeug an: einen quietsch-orangen wuscheligen Plastikhüpfball. Was muss ich tun, fragt sie mich mit ihren großen braunen Augen, die kein Wässerchen trüben können, um den Ball zu bekommen? Etwas unwirsch entgegne ich: Du kriegst jetzt erstmal gar nix. Ihre ehemals heißbegehrten Glubschis könnten inzwischen in Stephen Kings Friedhof der Kuscheltiere mitspielen, so werden sie mit Nichtbeachtung gestraft.
Ich wäge ab, fahren oder nicht fahren? Ich entscheide mich für zweites und sage telefonisch alle Termine ab. Das zweite Fiebermessen sagt 38,2 Grad, also doch was Ernsteres. Ich packe die Sachen wieder aus. Den Streuselkuchen friere ich ein. Doch was mach ich mit dem letzten Stück Frankfurter Kranz, der noch von Opa Adolfs 85. Geburtstag übriggeblieben ist? Nochmals einfrieren geht schlecht oder sich schnell mal gefühlte 800 kcal einverleiben oder als dritte Möglichkeit es einfach am Küchentisch seinem Schicksal überlassen? Einfach warten bis die Buttercreme ranzig wird, in sich zusammensinkt und die gerösteten Mandelblättchen wie ungeweinte Tränen abfallen? Keine schlechte Idee, hat was von einer Beuyschen Fettecke.
Ich messe das dritte Mal Fieber: 39,2 Grad unter der Achsel. Ich verfalle in Panik. Sehe mich bereits in der Notaufnahme des Krankenhauses: die Hasi in meinen Armen haltend, leblos im langen Nachthemd mit den Törtchen drauf … als ich ihr 5 mg des Ibuprofensaftes (Erdbeergeschmack) verabreiche und sechs Kügelchen Belladonna hinterherschiebe. Matt raunt sie mir zu: Du Mama, jetzt wo ich krank bin, darf ich da den orangenen Hüpfball haben? Natürlich! Sofort eile ich in den 200 m entfernten Einkaufsladen, um mein Kind glücklich zu machen. Auch Clara ist zufrieden, als sie den Wuschel in ihren Händen hält. Das Thermometer zeigt 38,1 Grad und ich bin ebenfalls etwas erleichtert. Clara schaut sich durch das Fernsehprogramm der diversen Kindersender, verlangt schließlich nach einer Nutella-Brezn und fängt an, ihren Hüpfball gegen die Decke des Wohnzimmers zu schleudern. Das Thermometer zeigt nur noch 36,7 Grad!
Bass erstaunt überlege ich, ob ich hier gerade die „wundersame Heilung“ erleben darf? Macht das der Fiebersaft oder die Freude über den kleinen Hüpfball? Kennt das nicht ein jeder von uns, dass wir vor Dingen, die uns Freude machen entgegenfiebern und umgekehrt, vor denen, die uns belasten auch fiebern oder andere Beschwerden entwickeln? Ich glaube, mir fällt jetzt zu dieser Stunde nichts mehr ein über fieber-psychologische Abhandlungen. Ich sag jetzt einfach mal: Verschieben wir es auf morgen!
Also meine Lieben, schaut mal wieder bei mir vorbei, wie das so wird mit dem Fieber und natürlich auch mit dem letzten Stück Frankfurter Kranz!


Tja, Fieber kommt immer voll unpassend. Mein Kleiner hat damals, als in meinem Heimatdorf am nächsten Tag die riesige 1000-Jahr-Feier stattfand, die mein Bruder mitorganisiert hatte, die 40-Grad- Celsius-Marke des Fieberthermometers geknackt: 40,8 zeigte es an! Und mein geliebter Kleiner saß an diesem Tag X im Hochsommer mit feuerroten Wangen auf unserem kühlen Holzboden im Wohnzimmer, aß und trank normal und spielte lächelnd Lego Duplo… Kein Tränchen, kein Quengeln, keine Unruhe… (Seine Schwester nörgelt bereits bei 37,4.) Ich rief meine Mutter, Oma Traudl, an, es war 21 Uhr… Sie war vollkommen am Ende. „Kinderklinik!“, war ihre Devise oder sanfte Wadenwickel mit Fiebersaft….
Anruf bei der Kinderärztin gleich im Anschluss : Abwechselnd Ibuprofen- und Paracetamol-Saft geben ! Nachts halbstündlich überwachen, beim Kind bleiben, Kinderschokolade geben, damit das Kind Durst bekommt und viel trinkt, am nächsten Morgen dann gleich zum Notdienst kommen, war Frau Doktors Rat…
Ich hielt mich daran- das Thermometer sank in der Nacht dank Arznei auf 39,9 Grad Celsius… Ich schlief keine Viertelstunde.
Und ich fuhr am Sonntag, am nächsten Tag, für zwei Stunden zur 1000-Jahr-Feier meines geliebten Förrenbach… Natürlich total nervös, alle halbe Stunde rief ich daheim an… Papa Gerald hatte die vertrauensvolle Aufgabe, sein krankes Kind zu betreuen… Erstmalig ohne direkte Hilfe. OmaTraudl schimpfte wie ein Rohrspatz, als ich auftauchte… Das Fest war gelaufen…
Als ich völlig fertig vor Sorge nach 2 Stunden wieder heimkam, streckte mir mein kleiner Süßer die Ärmchen entgegen und ließ mich nicht mehr los.
Sofort musste ich Oma Traudl telefonisch informieren, dass ihr kleiner Bub nur noch 38,9 Grad Fieber hat… Sie war erleichtert und Omas Nachtschlaf war gerettet…
Seitdem haben wir die 40- Grad- Marke nur noch 3 x überschritten im Februar 2015, Influenza Typ A- trotz Grippeimpfung…5 Tage dauerte dieser Spuk an. Nun sind wir wahre Fieber-Experten…
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