Heute morgen um 6.15 Uhr: Mama, möchtest du dein Muttertagsgeschenk haben? Nein, nicht um die Uhrzeit. Mama, wann dann? Nicht vor einer Stunde! „OK!“
Um 6.20 Uhr geht die Tür zum Schlafzimmer auf: Mama, soll ich den Costa ins Schlafzimmer lassen? Nein! Der Ingenieur sagt gar nichts, er liegt noch komatös von der gestrigen Bierwanderung auf der Matratze und gibt keinen Mucker von sich.
Gegen 7.00 Uhr steht Clara abermals vor meinem Bett und wedelt mit einem selbst gemalten Bild vor meiner Nase herum. Mit geschlossenen Augen bejahe ich, wie schön dieses doch sei. So leicht gibt meine Tochter nicht auf. Sie knipst die Nachttischlampe an und richtet den hellen Schein direkt auf meine zuckende Lider: Hier Mama, damit du es auch richtig siehst! Ich lobe das bunte Bild mit Himmel, Sonne, Gras, Vögel, Wasserfall und Giraffen ausgiebig und beschließe meine Bettstatt zu verlassen. Bleibt mir auch nix anderes übrig. Als ich mich noch etwas taumelnd ins Bad begebe hält Clara mir das nächste Geschenk entgegen: ein Marmeladenglas mit einer giftgrünen Flüssigkeit darin! Oh mein Gott, sind das gegarte grüne Gummibärchen, brutal ermordet und entsaftet? Meine Tochter belehrt mich sogleich: Das ist Waldmeistergelee. Schau mal, hier habe ich es auch auf’s Etikett geschrieben und eine Tulpe dazu gemalt.
Welch wunderbare Tochter ich doch habe. Sie hat sich bereits angezogen und trägt einen wunderschönen roten Glockenrock. Sie nimmt mich an die Hand: Komm‘ ich hab dir Frühstück gemacht! Zwei Knäckebrote, durchweicht ohne Butter und mit wenig Quark an Erdbeermarmelade lachen mich an. Ich beiße hinein, es isst sich wie geschmacksneutrale Pappe, aber das ist es mir wert. Ich versuche die Gunst der Stunde zu nuzten: Hasi, wollen wir nach dem Frühstück ein bisschen Lesen üben? Nö, heut ist Feiertag, da hab ich frei!
Zuviel darf ich wohl vom Leben nicht erwarten. Der Ingenieur ist inzwischen von den Biertoten auferstanden und schiebt mir mit folgenden Worten ein Parfüm über den Küchentisch: Hier, von meinem und Claras letztem Geld! Das Parfüm riecht gut nach Sommer und Meer. Clara mokiert sich, dass es doch auch einen Weltkindertag geben müsse und schiebt mir einen Katalog von Miniboden hinterher, wo sie gefühlt 3/4 der abgebildeten Ware mit Kugelschreiber eingekreist hat. Keine Ahnung, woher meine Tochter diese konsumkapitalistische Einstellung hat.
Nach dem Frühstück rufe ich meine Mama an, um ihr meine Muttertagsgrüße zu bestellen. Ich erzähle ihr von Claras Geschenkideen. Sie seufzt: Ach, das hätte ich mir mein Leben lang gewünscht, dass du mir einmal das Frühstück gemacht hättest. Aber so bist du halt!
Sollte ich letztendlich nicht total froh sein über meine Tochter? Und dass der Kelch an mir vorübergegangen ist, nicht so eine Tochter geboren zu haben, die wie ich ist???

Och, Kathrin, sicher warst du auch die tollste Tochter der Welt für deine Mum! Bestimmt hast du oft den Tisch gedeckt, zig Bilder gemalt und Blümchen gezupft auf der Wiese…
Deine Mutter wird froh sein, dich zu haben…
LG
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da waere ich mir aber nicht soooo sicher
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