Wo fängt dein Himmel an?

Donnerstag letzter Woche als mein Ingenieur und ich dösig im Endstadium von Germanys next Topmodell sind und nur noch auf Heidi Klums fiesen Ausspruch „Ich habe heute leider kein Foto für dich“ warten, erinnert er mich an folgendes: Du wir haben für Freitag in einer Woche Karten für Philipp Poisel! Puh,hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm. Philipp Poisel ist natürlich schwere Kost, wenn man mittelalt und hormonell aus dem Tritt ist. Auch Freundin Lore bejaht dies: Projekt Seerosenteich – mit jedem deiner Fehler- kann man gleich mit dem Auto und Vollgas gegen den nächsten Betonpfeiler fahren! Selbst die 20 Jahre jüngere Nichte meines Mannes empfiehlt bei: Wie soll ein Mensch das ertragen – bitte nicht die Taschentücher vergessen! Aber voll schön das Lied.

Zunächst ist nix voll schön und traurig. Die Parkplatzsuche vor der Bamberger Arena gestaltet sich als aussichtslos, das Ambiente selbst ist wie der sichtbare, kühle graue Beton und die verklemmten Toilettentüren. Das Publikum bewegt sich zwischen den Autokennzeichen HAS, KG und HO. Als Philipp mit seiner Band die Bühne betritt und die ersten Songs anstimmt, ist das alles sehr B-Seiten lastig. Ich rutsche unruhig auf meinem harten Plastikstuhl hin und her. Doch plötzlich wie in einem Überraschungsangriff fragt er: Wo fängt dein Himmel an? Meine Augen werden nass. Philipp setzt zum Todesstoß an: Die Eisenbahn fährt durch unbekanntes Land … du Heimat, Zuhause bist…halt mich fest!

Herrgott Philipp, möchte ich ihm zurufen: fuck off the bloody sky. Mach es endlich! Meinetwegen im Erdbeerfeld oder unter den Hollunderblüten… Treib es vom Keller bis zum Dachboden rauf, da ist man dem Himmel ganz nah! Doch wenn ich in Philipps Augen sehe in seiner leicht gekrümmten Körperhaltung, dann möchte ich ihn ganz sehr festhalten und ihm ins Ohr flüstern: Ich glaub so Einlagen wären für deine s-förmige Wirbelsäule echt gut. Und nuschel nicht immer so!

Das Konzert nimmt Fahrt auf, stimmungsvolles Bühnenbild, die Auswahl der Songs rangiert zwischen neu und alt. Die Musiker und Philipp füllen die Bühne aus. Die Betonarena und der Plastiksitz unter mir sind vergessen. Der letzte Song vor der Zugabe hat es wieder in sich. Das Publikum singt wie er mit geschlossenen Augen: Ich will nur, dass du weißt, ich hab dich immer noch lieb. Und dass es am Ende auch keine andere gibt, die mich so vollendet, die mich so bewegt.  Mensch Philipp, wann hört denn dieser verdammte Herzschmerz endlich mal auf? Ich back dir eine, ehrlich!

Die erste Zugabe natürlich: Wie soll ein Mensch das ertragen? Nee, jetzt ist mal hier genug gepoiselt. Philipp scheint es selber zu merken, dass er den Gefühlshaushalt seines Publikums genug strapaziert hat. Das nächste und zugleich das letzte Lied nimmt Fahrt auf. Der Bass wummert, mein Herz mit, der Beat nimmt Fahrt auf, ein DJ wird in einer Discokugel gen Himmel geschickt:.. und der Himmel hat sich langsam gedreht…ich hab getanzt als gäb’s kein Morgen mehr! Gottseidank zum Schluss: ein Perspektivenwechsel! Jetzt können wir nach Hause fahren.

 

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