
Heute ist es soweit. Fahrlehrer Sigi hat ganze Arbeit geleistet. Meine Mutter kommt heute das erste Mal allein mit dem Auto zu uns gefahren. Schon im Vorfeld habe ich wie ein Mantra auswendig gepredigt : A 73 – Ausfahrt Baiersdorf, rechts ab, erst Richtung Forchheim, dann rechts Kersbach. Unsere Telefonate die letzte Woche beschränkten sich ausschließlich auf die Wegbeschreibung: rechts rum, links rum, in Kersbach, um Kersbach und um Kersbach herum. Es hatte schon ohrwurmartigen Charakter.
Früh um 9 Uhr will meine Mutter losfahren. Um 9.45 Uhr erhalte ich ihren ersten Anruf. Sie ist irgendwo in Forchheim gestrandet. Ich versuche telefonisch zu helfen: rechts rum, dann links KERSBACH!!! Ich hoffe das Beste. 10 Minuten später erfolgt ein weiterer Anruf: Ich bin in Hausen! Gebetsmühlenartig wiederhole ich meine Worte: wenden, dann links K-E-R-S-B-A-C-H!!!! Ich bin in Panik, nicht dass sie aufgibt und der ganze Aufwand umsonst ist! Muss ich die gelben Engel oder die grünen Retter anrufen? Vor meinem geistigen Auge formieren sich Hubschrauber, Spürhunde und die Durchsage auf Bayern Eins: Seit Sonntag, dem 2. April wird die 75 jährige Karin F. aus C. vermisst. Vermutlich irrt sie desorientiert im Raum Forchheim umher…
Eine halbe Stunde später biegt meine Mutter in unserem Hof. Sie hat es geschafft. Ich bin sau stolz auf sie. Eine wahre Kämpfernatur ist sie. Wir verbringen einen schönen Tag miteinander und ich biete ihr an, auf dem Nachhauseweg bis zum Nadelöhr Kersbach, Auffahrt Baiersdorf vorzufahren. Soweit alles klar! Meine Mutter packt ihre plakatgroßen Wegbeschreibungen wieder ein und ich erzähle noch ein letztes Mal mein Mantra: Kersbach links, dann wieder links Auffahrt Beiersdorf A 73.
Als ich die Strecke nach Baiersdorf fahre höre ich meinen Lieblingssänger seit fast 30 Jahren: Eine Rennbahn halb im Schlamm versunken, ein alter Hase vom Verlieren betrunken… an einem Sonntag im April. Ich sinniere beim Fahren, lasse die grünen Wiesen, Büsche und die ersten Blüten auf mein Auge und Geist wirken. Wie schnell der Frühling doch das Kommando übernommen hat. Es fängt das Schauern an, ein Aprilregen halt. Ein Wind, der immer neuen Regen brachte. Ein alter Hase, der verlegen lachte und ein Gefühl der Befreiung… Auch bei mir hat der Frühling das Kommando übernommen. Ich bin nicht mehr so traurig, meine Überschriften sind in die Ferne gerückt. Auch meine Mutter hat wieder einen Schritt vorwärts gemacht.
Huch! Vor lauter Gedanken hätte ich fast die Abbiegung Kersbach links verpasst. Ok! Konzentration: Muttern ist dicht hinter dir, jetzt kann eigentlich nichts mehr schief gehen: 2 km über die Brücke, dann links Richtung A 73. Ich schaue in den Rückspiegel, setze links den Blinker und sehe mit Entsetzen wie meine Mutter RECHTS abbiegt, diese dusselige Kuh! Sobald ich kann, wende ich und nehme die Verfolgung auf. Doch vergeblich, sie ist mir entschwunden und logischerweise hat sie auch ihr Handy aus. Unverrichteter Dinge fahre ich nach Hause und setze mich wartend vor das Telefon. Gefühlte Stunden später erfolgt der erlösende Anruf. Sie ist etwas kleinlaut, was bei meiner Mutter selten vorkommt, weil sie in die andere Richtung gefahren ist. Ich kann ihr natürlich nicht böse sein, Stolz und Erleichterung überwiegen. Am meisten freue ich mich als sie sagt: Mir hat das Fahren richtig Spaß gemacht. Dann bis zum nächsten Mal, an einem Sonntag im April.
Sehr süß!!
LikeLike
Liebe Kathrin, deine Mama ist eine sehr attraktive, motivierte und mutige Frau. Finde toll, wie sie alles trotz falschen Abbiegens meisterte… Da kannst du zu Recht stolz auf sie sein…
Freue mich auf morgen…
LikeLike