Ich habe bis letzten Sommer nie einen Zugang zu Bob gehabt. Seine Songs hatten für mich einen faden friedensbewegten Beigeschmack wie „Where have all the flowers gone“ in unserem Liederbuch in der Schule, welches einen grün- orangenen Einband hatte. Das war fast genauso schlimm wie das Liedgut während der Konfirmandenzeit als man zum Besuch der Kirche zwangsverpflichtet wurde.
Außerdem gibt es ganz viele fiese Coverversionen von Bob’s Liedern. Ich denke dabei an Münchener Freiheit, Typen mit fisseliger Dauerwelle, die im Discofox-Rhythmus quäkten: Vergiss nicht deine roten Schuh! Was vorbei ist, ist vorbei Baby Blue. Ganz schlimm ist für mein Empfinden auch „Knockin‘ on heavens door“ intoniert von Axel Rose von Guns N‘ Roses. Dieser omnipotente Amerikaner im Bikerlook und rotkariertem Stirnband ist für mich das Sinnbild des schlechten Musikgeschmackes Ende der 80er Jahre.
Außerdem ist Bob ein alter verschrumpelter Gramel mit einer Stimme, der man den 60 Jahre langen Zigaretten und mehr Konsum anmerkt. Er nuschelt so in seinen ellenlangen Songtexten, dass man sich verhörhammermäßig seine eigene Wirklichkeit aussuchen kann. Bei „changing of the guards“ verstehe ich „the cold bloody moon is sending his socks!“
Letzten Sommer sind wir nach Italien gefahren. Ich wollte mit leichtem Gepäck reisen. Zu meiner Bushäuschenfreundin sagte ich bekümmert : „Ich möchte meine Sorgen und alten Käse zu Hause lassen!“ Meine Bushäuschenfreundin ist psychologisch versiert und antwortete mir wie ein Orakel: „Am Ende wird alles gut und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht zu Ende.“ Und dann kam Bob, Gottseidank, das war gut!
Mein Mann, ein technisch und medienversierter Ingenieur, hat seit kurzem Spotify abonniert und sich abends durch ein Halbesjahrhundert Musikgeschichte gehört und hatte Bob dabei- rund vier Stunden von zuhause bis zum Brenner!
Irgendwann auf der Reise hauchte mir Bob sinnlich und lasziv ins Ohr: “ Lay lady lay, lay across my big brass bed.“ Vor meinem geistigen Auge taucht dieses Messingbett auf. Die Wände des Zimmers, in dem es steht, sind kahl, weitere Einrichtungsgegenstände befinden sich nicht darin. Weiße Vorhänge lassen die Morgensonne auf dem Messingbett tanzen. Die Protagonisten sind ein bisschen rotstichig, wie man das auf den Fotos aus den 70ern kennt. Upps: „His clothes are dirty, but his hands are clean.“ Jawoll! Hände, die sowohl zupacken als auch Gitarre spielen können. Modischer Schnickschnack wird überbewertet, ehrlich. „And your the best thing that he’s ever seen!“ Da muss er nix mehr hinzufügen, alles ist gesagt ohne Schwulst. Außerdem scheißt Bob auf gesellschaftliche Konventionen!
Durch lay, Lady lay bin ich Bob nahe gekommen und auch durch die anderen vielen Lieder zwischen von Hause bis Brenner und den nächsten drei Wochen Italienurlaub. Manche kannte ich schon durch diverse Coverversionen, viele waren neu. Nicht alles ist gut geworden in diesen Tagen, aber doch einiges.