Ist „wish you were here“ ein lovesong?

Wer kennt es nicht: „Wish you were here“ von Pink Floyd. Gerne gespielt auf einer Klampfe am Lagerfeuer oder auf WG- Feiern nachts um drei, wenn schon niemand mehr geradeaus schauen konnte. Ich verbinde den Song mit unerfüllter Liebe und Sehnsucht und dass die Zeit schön langsam verstreicht ohne das das Entscheidende passiert.  Auch fühlt es sich irgendwie so an, als säße man im Bushäuschen und wartet auf den Bus, der entweder a) gar nicht kommt, b) zwar kommt, aber nicht anhält, weil er schon voll ist, c) er anhält, aber du zu langsam bist einzusteigen oder d) du zwar einsteigst, der Bus jedoch nach fünf Minuten eine Panne hat und alle aussteigen müssen.

Wenn ich rückblickend an meine zahlreichen Freundinnen denke, mal ganz ehrlich, wer von ihnen, mich eingeschlossen, saß denn noch nicht im Bushäuschen?

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass die erste zwei Jahre verliebt war in einen Typen, weil er sie dreimal von oben bis unten gemustert hat. Gut, wir waren da noch sehr, sehr jung. Aber ich weiß bis heute, dass wir diese Szene unendlich nachgespielt haben. Sie stehend, ich auf dem Sessel ihres Mädchenzimmers lümmelnd, ein Bein über der Lehne hängend, und dann musste ich an ihr immer hoch und runter gucken… Es muss wohl verdammt oft gewesen sein, weil mir das nach diesen vielen Jahren noch sehr präsent ist.

Die zweite hatte mal vor Jahrzehnten auf einer wilden Feier an einem Baggerloch eine heiße Knutschnacht und mein lieber Herr Gesangsverein: sie sitzt da gedanklich immer noch zwischen den Fichten. Und dass, obwohl der Typ inzwischen kaum noch Haare am Kopf hat, hüftleidend ist und auch nicht geradeaus schauen kann. Sie ist an diesen Ort noch mal gewesen und hat ihr Liebesleid aufgeschrieben und in den See versenkt, aber selbst dieser wollte diesen ollen Ballast nicht so recht aufnehmen.

Die dritte war so  verliebt über Jahre, dass sie sich immer den Anrufbeantworter von ihm angehört hat (er ist eine Person des öffentlichen Lebens). An einem Abend als ich zu Besuch war, lauschten wir gemeinsam dieser Stimme. Nachdem diese geendet hatte, fragte ich ungläubig: „Und das hörst du dir jeden Abend an?“ Meine Freundin erwiderte: „Ich mag es total, wenn er das r so rollt“ und die Stimme des Anrufbeantworters erwiderte ebenso: „Vielen Dank für Ihre Nachricht. Wir rufen Sie umgehend zurück!“

Die vierte hat auf einer kollegialen Weinfahrt nach drei Schoppen dem Klampfenspieler einen Tisch weiter  zu tief in die Augen geschaut. Da sie dachte, er hätte den Song eines leider schon verstorbenen Countrysängers nur für sie gesungen, hatten sich beide über Monate hinweg wie ein Dauerbrenner in ihrem Ohr und ihren Gehirnwindungen eingebrannt. Was denkt ihr, wie es ausgegangen ist? Er hat sie weder geküsst noch hat er auf sie gewartet. Er ist einfach alleine davon geflogen!

Wer mich ein bisschen kennt, der weiß, dass ich für mein Leben gerne google. Bei Google kann man sich das Leben erklären! Und ich habe gerade nachgeschaut: “ Interpretation-wish you were here-lyrics“ und siehe da: Das ist überhaupt kein Lovesong. Der Text handelt von dem  früheren Bandmitglied „Syd Barrett“, der sich sein Hirn mit Drogen rausgeballert hat. Also das Leben eines armen verkannten genialen Würstchens, den die böse Maschinerie der Musikbranche aus der Bahn geworfen hat…Ja, sowas aber auch!

Ich vertiefe mich in die Lyrics. Zuerst finde ich es schade, dass mich Google um den Zauber der Liedzeile „How I wish, how I wish you were here.“ gebracht hat. Andererseits ist der nachfolgende Vers keine wirkliche Option für’s Leben „We’re just four lost souls swimming in a fish bowl, year after year…“.

Am besten ihr hört euch das Lied selbst an und entscheidet, ob es ein Lovesong oder ein Bushäuschenlied ist. Letztendlich ist es doch immer gut, wenn man eine Wahl hat.

 

 

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